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Stiftung der Deutschen Wirtschaft – Interview mit Rayan-Stefan

17. August 2026

Name: Rayan-Stefan Tawfik
Alter: 20 Jahre
Studiengang: Anglistik und Romanistik
Semester: 2. Semester
Universität: Goethe-Universität Frankfurt am Main

Stiftung: Stiftung der Deutschen Wirtschaft (Studienförderwerk Klaus Murmann)

Wie bist du auf die Idee gekommen, dich bei der Stiftung der Deutschen Wirtschaft (sdw) zu bewerben?

Meine Geschichtslehrerin hat uns damals Flyer vom Studienkompass ausgeteilt, einem Förderprogramm für Schülerinnen und Schüler aus Familien ohne akademischen Hintergrund, das die sdw gemeinsam mit weiteren Partnern trägt. Ohne diesen einen Moment wäre ich vermutlich nie auf die Idee gekommen, mich zu bewerben. In meiner Familie gab es niemanden, der mir hätte erklären können, dass es so etwas wie Stipendien für Schüler gibt.

Im Studienkompass habe ich dann über drei Jahre erlebt, was ein solches Programm bewirkt. Es ging um Studienwahl und Bewerbungen, Wege nach dem Abitur und vor allem um Menschen, die einem zutrauen, dass man schafft, was man sich vornimmt. Über Angebote wie die Entrepreneurship Talent Academy und den Austausch mit verschiedenen Teilnehmenden bin ich dann auf das Stipendium des Studienförderwerks Klaus Murmann aufmerksam geworden.

Überzeugt hat mich, wie die sdw Förderung versteht. Es zählen nicht nur Noten, sondern der ganze Weg: woher jemand kommt, was er oder sie daraus gemacht hat und was diese Person mit dem Erreichten anfangen will. Diese Haltung hat mir das Gefühl gegeben, dass ich mich dort nicht verstellen muss. Beworben habe ich mich noch mitten im Abitur.

Wie verlief dein Auswahlverfahren bei der sdw (Dauer/Ablauf/Auswahlgespräche)? Gab es Herausforderungen?

Mein Verfahren zog sich über rund acht Monate, von Februar bis Ende Oktober. Beworben habe ich mich ziemlich am Ende der Frist, im Februar, mitten in der Abiturvorbereitung. Eingereicht habe ich Lebenslauf, Zeugnisse, dazu ein Empfehlungsschreiben meiner Schule und Bescheinigungen über mein Ehrenamt. Außerdem musste ich eine Antwortmaske mit Angaben zu meiner Motivation ausfüllen. Nach der Vorauswahl folgte im September das Auswahlgespräch, das virtuell stattfand. Ende Oktober kam die Zusage.

Im Gespräch ging es um meinen bisherigen Weg, meine Motivation und mein Engagement, und darum, wie das eine mit dem anderen zusammenhängt. Die Fragen waren ehrlich gemeint und nicht darauf angelegt, jemanden auflaufen zu lassen.

Die größte Herausforderung war für mich deshalb nicht das Gespräch, sondern alles davor. Ich wusste schlicht nicht, was mich erwartet, und konnte zu Hause niemanden fragen, wie so ein Verfahren abläuft. Dazu kam die Ungeduld: Zwischen dem Abschicken der Unterlagen, der Einladung zum Interview und der Zusage lagen acht Monate, in denen sich mein ganzes Leben nach dem Abitur neu sortiert hat.

Ist die Höhe deines Stipendiums abhängig vom Einkommen deiner Eltern? Was ist, wenn Eltern "zu viel" verdienen?

Die finanzielle Förderung pro Monat setzt sich generell aus zwei Komponenten zusammen: der Studienkostenpauschale und dem jeweiligen BAföG-Fördersatz. Die Studienkostenpauschale beträgt 300 € und wird unabhängig vom Einkommen der Eltern ausgezahlt. Der BAföG-Fördersatz richtet sich wiederum nach dem elterlichen Einkommen und wird individuell berechnet. Abhängig von der familiären und finanziellen Situation kann die sdw weitere Zuschüsse, z. B. einen Familienzuschlag i. H. v. 155 € pro Monat, zahlen.

Darüber hinaus unterstützt die sdw Praktika, Studien- und Forschungsaufenthalte im Ausland durch eine einkommensunabhängige Auslandspauschale und ggf. weitere Zuschüsse (z. B. Reisekostenzuschuss).

Wie wirst du durch dein Stipendium gefördert?

Ich bin Vollstipendiat, das heißt, ich erhalte beide Bestandteile der finanziellen Förderung: die Studienkostenpauschale von 300 Euro im Monat, die unabhängig vom Einkommen der Eltern gezahlt wird, und einen zusätzlichen Anteil, der sich nach dem BAföG-Satz richtet und individuell berechnet wird.

Mindestens genauso wichtig ist die ideelle Förderung. Es gibt laufend Online-Veranstaltungen, Präsenzformate mit Unternehmenspartnern und mehrtägige Akademien. Mit der sdw war ich in Istanbul, inklusive eines Austauschs im Deutschen Generalkonsulat. Das sind Einblicke, die man sich als Studierender sonst kaum selbst organisieren kann. Dazu kommt die Regionalgruppe vor Ort, in meinem Fall Frankfurt, mit regelmäßigen Treffen und selbst organisierten Formaten.

Der wertvollste Teil ist für mich aber das Netzwerk, welches mit der Zeit entsteht. Menschen aus allen Fachrichtungen und mit sehr unterschiedlichen Biografien kommen zusammen. Aus vielen dieser Gespräche habe ich mehr mitgenommen als aus manchem Seminar, und einige sind zu Freundschaften geworden. Das ist der Teil der Förderung, der sich am stärksten auszahlt, sich aber auch am schwersten in Worte fassen lässt, weil es sehr individuelle Erfahrungen sind.

Welche Erwartungen stellt die Stiftung der Deutschen Wirtschaft an dich als Stipendiat:in?

Erwartet werden gute Leistungen im Studium und aktives gesellschaftliches Engagement, also genau das, wofür man ausgewählt wurde. Dazu kommen die Teilnahme am Veranstaltungsprogramm und die Bereitschaft, sich in die eigene Regionalgruppe einzubringen, etwa bei der Organisation von Treffen und Veranstaltungen. Zweimal im Jahr steht ein Semesterbericht an, in dem man Studium, Engagement und Pläne festhält.

Was ich daran mag: Diese Erwartungen fühlen sich nicht wie Auflagen an, sondern wie eine Einladung, das Angebot auch wirklich zu nutzen. Mit dem Semesterbericht kann ich checken, wo ich stehe und ob ich noch in die Richtung laufe, die ich mir vorgenommen habe.

Was bedeutet es für dich, ein:e Stipendiat:in zu sein?

Als Erstakademiker ist man in vielen Räumen der Erste aus der eigenen Familie und fragt sich häufiger als nötig, ob man dort eigentlich richtig ist. In der sdw sitzen sehr viele Menschen mit ähnlichen Fragen und sehr unterschiedlichen Antworten darauf. Das nimmt der Unsicherheit ihre Wucht und erhöht das Gefühl von Zugehörigkeit.

Außerdem bedeutet es Verantwortung. Mich hat jemand angesprochen und auf eine Chance hingewiesen, sonst stünde ich heute nicht hier. Genau das versuche ich weiterzugeben: in meinem Ehrenamt, auf Veranstaltungen und im Gespräch mit Jugendlichen, die gerade an derselben Stelle stehen wie ich vor ein paar Jahren.

Es wird von den Bewerber:innen gesellschaftliches Engagement verlangt. Wie engagierst du dich?

Mein Engagement folgt einer Frage: Wie bekommen junge Menschen Zugang zu Wissen, Netzwerken und Selbstvertrauen, wenn ihr Elternhaus das nicht mitgeben kann?

Angefangen hat es in der Schule, wo ich von der elften bis zur dreizehnten Klasse jedes Jahr als Kurssprecher im Schülerrat mitgearbeitet habe. Seit September 2024 engagiere ich mich in der Future Founders Initiative, inzwischen im Vorstand. Wir vermitteln gründungsinteressierten Jugendlichen kostenlose unternehmerische Bildung und ein Netzwerk. Die Arbeit besteht zum Beispiel daraus, Sponsoren zu gewinnen, Teams aus Freiwilligen zu führen und unsere Reichweite zu erhöhen. Unsere Angebote haben inzwischen über 800 junge Menschen erreicht. Besonders viel Spaß macht es mir, Veranstaltungsformate zu moderieren und Design-Thinking- und Pitch-Workshops zu geben.

Mir war es wichtig, die Formate unseres Vereins auch in den Osten Deutschlands zu bringen, weil ich gemerkt hatte, dass es in dieser Region wenig Angebote gibt. Vor einigen Jahren habe ich daher die JuPa Initiative mitgegründet. Dresdens erster Jugendkongress lief unter der Schirmherrschaft des Oberbürgermeisters und es erschienen über 100 Teilnehmende. Eine Veranstaltung, die mich im Hinblick auf meine Zukunft sehr motiviert hat. Umso mehr habe ich mich gefreut, beim Abschlussevent des aktuellen Studienkompass-Jahrgangs bei der Deutschen Bank vor rund 250 Gästen darüber sprechen zu können, was Studieren als Erstakademiker bedeutet. Durch Aktionen wie diese kann mehr Aufmerksamkeit auf Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit gelenkt werden.

All das verbindet ein Ziel: Der Startpunkt eines Menschen soll nicht über seine Möglichkeiten entscheiden.

Was würdest du potenziellen Bewerber:innen für die Bewerbung raten?

Erstens: Erfindet nicht die perfekte Version von euch, sondern erklärt eure eigene. Ein Lebenslauf mit Umwegen, Brüchen oder einem Nebenjob ist kein Makel, solange ihr sagen könnt, was ihr daraus mitgenommen habt. Genau danach wird gefragt.

Zweitens: Werdet konkret. Nicht "ich engagiere mich sozial", sondern was ihr gemacht habt, für wen, wie lange und was am Ende dabei herausgekommen ist. Ein einziges echtes Beispiel überzeugt mehr als drei Absätze Selbstbeschreibung.

Drittens: Sammelt schon früh Nachweise. Bescheinigungen über euer Ehrenamt und ein Empfehlungsschreiben lassen sich in Ruhe besorgen, aber nicht in der Woche vor dem Ablaufen der Bewerbungsfrist. Ich habe mich kurz vor Fristende beworben und kann nur empfehlen, sich diesen Stress zu ersparen.

Und viertens: Behandelt das Auswahlgespräch als Gespräch, nicht als Prüfung. Die Menschen dort wollen verstehen, wer ihr seid, anstatt euch aus der Ruhe zu bringen. Wer sich vorher zwei Fragen ehrlich beantwortet hat, wer bin ich und warum will ich das, ist besser vorbereitet als mit jedem auswendig gelernten Satz.

Möchtest du Schüler:innen und Studierenden, die als Erste in ihrer Familie studieren (wollen), noch etwas mit auf den Weg geben?

Sucht euch aktiv Unterstützung und wartet nicht darauf, dass jemand von allein auf euch zukommt. Bei mir war es eine Lehrerin, die mich auf ein Förderprogramm hingewiesen hat, und daraus ist alles Weitere entstanden. Solche Hinweise bekommt man nicht automatisch, aber deutlich häufiger, wenn man Fragen stellt und sichtbar wird.

Und bewerbt euch, auch wenn ihr euch unsicher seid. Ich kenne viele, die es gelassen haben, weil sie sich nicht für "gut genug" hielten. Diese Frage beantwortet aber nicht ihr, sondern das Verfahren. Eine Absage kostet euch ein paar Nachmittage Arbeit, eine Zusage verändert womöglich euren ganzen Weg. Die Herkunft darf über den Startpunkt entscheiden, nicht aber über die Ziellinie. Nur wer handelt, kann etwas bewirken und seine Umstände nachhaltig prägen.

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