Evangelisches Studienwerk Villigst – Interview mit Sofia
Name: Sofia
Alter: 21 Jahre
Studiengang: Zahnmedizin
Semester: 5. Semester
Hochschule: Heinrich Heine Universität Düsseldorf
Stiftung: Evangelisches Studienwerk Villigst (Stiftung der Evangelischen Kirche)
Wie bist du auf die Idee gekommen, dich beim Evangelischen Studienwerk Villigst zu bewerben?
Ehrlich gesagt ganz spontan. Ich wusste, dass es Stipendien gibt, und habe mich auf einer Internetseite, die alle 13 Begabtenförderungswerke in Deutschland auflistet, umgeschaut. Dabei habe ich entschieden, dass Villigst am besten zu meinen Ansprüchen und Erwartungen sowie zu meiner ehrenamtlichen Tätigkeit passt. Auf arbeiterkind.de habe ich einen Beitrag einer Stipendiatin gelesen, der mich in meinem Vorhaben bestärkte, weil sie so positiv und motivierend berichtete.
Wie verlief dein Auswahlverfahren bei Villigst (Dauer/Ablauf/Auswahlgespräche)? Gab es Herausforderungen?
Zunächst bewarb ich mich mit meinem Lebenslauf und einem Motivationsschreiben, so wie man es wahrscheinlich bei den meisten Studienwerken macht. Danach ging es in die Vorauswahl, bei der ich zu verschiedensten Themen interviewt wurde. Kurz darauf erhielt ich die Einladung zur Hauptauswahl in Schwerte und durfte mich dort erneut vorstellen.
Bei den Auswahlen wurde ich mit allerlei Fragen konfrontiert, die ich beantwortete und durch die sich dann ein Gespräch entwickelte. Die Hauptauswahl erstreckt sich über zwei Tage, an denen man teilweise auch als Gruppe interviewt wird.
Die größte Herausforderung war wahrscheinlich ich selbst. Es ist natürlich, dass man sich in einem solchen Bewerbungsprozess viele Gedanken macht und sich fragt, ob man den Erwartungen entspricht. Gerade deshalb war es für mich wichtig, mich nicht zu sehr zu verstellen und einfach authentisch zu bleiben.
Wie wirst du durch dein Stipendium gefördert?
In erster Linie bekommen alle Stipendiat:innen jeden Monat eine Studienkostenpauschale von 300 Euro. Dazu kommt eventuell noch mehr, je nachdem, wie viel BAföG man bekommt, was hauptsächlich vom Einkommen der Eltern bestimmt wird. Anders als beim BAföG muss man nach Abschluss des Studiums aber nichts zurückzahlen.
So eine finanzielle Stütze in einer Zeit, in der man kein geregeltes, besonders hohes oder überhaupt kein Einkommen hat, ist natürlich eine große Bereicherung. Sie erlaubt mir, meinen Fokus vom Geld wegzulenken und schafft Raum für Dinge, denen ich mich stattdessen widmen kann. In meinem Fall bedeutete dies zum Beispiel, dass ich einen Spanischkurs an der Uni begonnen habe und öfter mal tiefer in den Geldbeutel gegriffen habe, um mir ein Lehrbuch zu kaufen. Villigst unterstützt uns Stipendiat*innen auch bei Auslandssemestern, Sprachreisen und Praktika im Ausland. Nach dem Stellen eines Antrags bekommt man die Möglichkeit, für sein Vorhaben finanzielle Unterstützung zu erhalten. Ich habe dies in meiner Zeit bisher noch nicht in Anspruch genommen, würde aber in Zukunft gerne mal wieder eine Sprachschule in Spanien besuchen und werde hoffentlich bald mit der Planung beginnen können.
Daneben wird man auch ideell gefördert. Es gibt sogenannte Konvente, also Gruppen von Stipendiat:innen, deren Studienorte geografisch nah beieinander liegen und die regelmäßig Treffen organisieren, die für alle möglichst zugänglich und kostengünstig gestaltet werden. Außerdem: Sportevents, entspannte Abende zusammen oder große Treffen, bei denen mehrere Konvente gleichzeitig zusammenkommen. Aus diesen Treffen ergeben sich natürlich unzählige neue Bekanntschaften und nicht selten auch Freundschaften, die über den eigenen Campus hinausgehen. Leute kennenzulernen, die andere Dinge studieren oder machen als man selbst, ist unfassbar bereichernd und inspirierend.
Ich habe in meinem Alltag oft gemerkt, dass mein Umfeld, seitdem ich studiere, hauptsächlich aus Leuten besteht, die das Gleiche studieren und einen ähnlichen Alltag haben. Das ist natürlich super, aber durch das Studienwerk konnte ich auch aus meiner sozialen Bubble herauskommen, was meinen Horizont extrem erweitert hat. Einige Gespräche bleiben mir auch noch nach Monaten im Kopf, was immer ein gutes Zeichen ist, wenn man auf neue Leute trifft.
Villigst zeichnet sich auch durch das Bildungsprogramm aus, das einem ermöglicht sich über sein Studienfach hinaus weiterzubilden – es finden jährliche Seminarwochen (so wie zum Beispiel die Sommeruni) statt, beiden wechselnde Jahresthemen besprochen werden.
Welche Erwartungen stellt Villigst an dich als Stipendiat? Muss man als Bewerber in der Kirchgemeinde aktiv sein?
Oft hat man die Vorstellung, dass ein Studienwerk als Geber funktioniert und der Stipendiat:innen als Nehmer. Das trifft auf Villigst auf jeden Fall nicht zu. Wir, die Stipendiat:innen, beteiligen uns aktiv selbst an der Auswahl der zukünftigen Geförderten und erfüllen somit unsere Auswahlverpflichtung. Ich selbst durfte schon bei einer Vorauswahl mitwählen, was super interessant war, weil ich die Perspektive der anderen Seite einnehmen konnte, obwohl ich selbst erst ein Jahr zuvor als Bewerberin auf der anderen Seite saß. Es ist ein unglaublich großes Privileg, in solch wichtige Entscheidungen miteinbezogen zu werden. Es gibt einem das Gefühl, ein signifikanter Teil des Studienwerks zu sein, der eben auch berechtigt ist, Entscheidungen zu treffen.
Außerdem beteiligen wir uns an Förderaktionen im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit. Das bedeutet, dass wir beispielsweise auf Informationsveranstaltungen, in Schulen oder in Zeitungsberichten über Villigst erzählen und für Fragen zur Verfügung stehen. Ich selbst habe zum Beispiel schon einen Artikel über Villigst in meinem lokalen Gemeindebrief veröffentlicht.
Man muss nicht in der Kirchengemeinde aktiv sein. Jede Form von ehrenamtlicher Arbeit wird gerne gesehen. Villigst nimmt übrigens nicht nur Gemeindemitglieder auf, sondern ausdrücklich auch andersgläubige oder nichtgläubige Menschen.
Was bedeutet es für dich, eine Stipendiatin zu sein?
Sicherheit. Ich fühle mich als Stipendiatin unfassbar sicher. Dadurch, dass ein ganzes Studienwerk hinter mir steht, habe ich das Gefühl, dass mir nicht so leicht der Boden unter den Füßen weggezogen werden kann. Egal ob eine schlechte Note oder eine nicht bestandene Klausur – ich muss mir keine großen Sorgen machen, mein Stipendium zu verlieren oder anderweitig beeinträchtigt zu werden. Es gibt super viele kompetente Ansprechpersonen, die sich gerne in allen Belangen um uns Stipendiat:innen kümmern, auch wenn es um persönliche Themen geht. Dafür bin ich mehr als dankbar.
Villigst ist ein Teil meines Studentenalltags, der nicht mit Druck oder Stress verbunden ist.
Es wird von den Bewerber:innen gesellschaftliches Engagement verlangt. Wie engagierst du dich?
Ich selbst habe seit meiner eigenen Konfirmation im Jugendzentrum unserer Gemeinde ehrenamtlich mitgeholfen. Zunächst war ich als Teamerin für die Konfirmand:innen zuständig, habe Spiele mitorganisiert und bin auf Freizeiten mitgefahren.
Danach habe ich begonnen, bei einem Projekt mitzuhelfen, das sich an jüngere Kinder richtet. Dazu gehörte einmal die Woche ein „Mädchenclub“, bei dem wir mit den Mädchen im Grundschulalter zum Beispiel gebacken, gespielt und kreative Sachen gemacht haben. In den Sommerferien nach dem Abi habe ich außerdem eine Kinderferienwoche betreut, bei der wir eine ganze Woche lang Programm hatten.
Jetzt in meiner Unistadt helfe ich gerne bei Projekten meiner Fachschaft, zum Beispiel beim "Teddybärkrankenhaus". Dabei geht es darum, Kindern spielerisch die Angst vor Ärzt*innen und dem Krankenhaus zu nehmen.
Was würdest du potenziellen Bewerber:innen für die Bewerbung raten?
Klingt leider langweilig und hat bestimmt schon jeder mal gehört, aber: Seid ihr selbst! Bringt zur Bewerbung nicht die glatt gebügelte, perfektionierte Version von euch selbst mit, sondern die Version, hinter der ihr zu 100 Prozent steht – egal in welcher Situation. Macht euch keinen Kopf um den perfekten Lebenslauf oder einen bis ins kleinste Detail durchgeplanten Zukunftsplan. Villigst sucht Menschen, keine Maschinen.
Holt euch nicht zu viel Input von außen. Es gibt nicht die perfekte Anleitung für einen solchen Bewerbungsprozess, egal wie weit man sich in die Tiefen des Internets begibt oder wen man fragt.
Das Wichtigste ist, sich vorher über das Studienwerk, bei dem man sich bewirbt, zu informieren und zu schauen, ob es zu einem passt. Denn – und das vergessen wahrscheinlich viele – wenn man in ein solches Stipendienprogramm aufgenommen wird, wird man nicht nur finanziell gefördert, sondern auch kognitiv, geistig und gesellschaftlich.
Es macht meiner Meinung nach keinen Sinn, sich blind zu bewerben. Eine vorherige Auseinandersetzung mit dem Programm ist essenziell.
Möchtest du Schüler:innen und Studierenden, die als Erste in ihrer Familie studieren (wollen), noch etwas mit auf den Weg geben?
Ihr schafft das!
Lasst euch nicht von eurem Hintergrund definieren. Es gibt so viel mehr Gründe, die für euch und euer Vorhaben sprechen, als welche, die dagegen sprechen!
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