Heinrich-Böll-Stiftung – Interview mit Angelina
Name: Angelina Nathalie Kaiser
Alter: 21 Jahre
Studiengang: PPE-Philosophy, Politics & Economics
Semester: 6. Semester
Hochschule: Heinrich-Heine-Universität
Stiftung: Heinrich-Böll-Stiftung
(Die Stiftung steht dem Bündnis 90/Die Grünen nah.)
Wie bist du auf die Idee gekommen, dich bei der Heinrich-Böll-Stiftung zu bewerben?
Schon vor Beginn meines Studiums war mir bewusst, dass der Wunsch zu studieren nur mit Nebentätigkeiten oder anderen Unterstützungen möglich werden würde. An der Heinrich-Heine-Universität gab es zunächst die Möglichkeit, ein Deutschlandstipendium zu erhalten. Diese Gelegenheit habe ich damals dankend angenommen. Damit habe ich mein erstes Fachsemester mitfinanziert, bis mich eine gute Freundin darauf hingewiesen hat, dass es auch Begabtenförderwerke gibt, die zusätzliche Vorteile mit sich bringen. Durch meine Interessen in den Bereichen Nachhaltigkeit, Geschlechtergleichheit und Demokratietheorie sowie mein Engagement bei Greenpeace und als ehrenamtliche Nachhilfelehrerin für geflüchtete Menschen habe ich mich dann für eine Bewerbung bei der Heinrich-Böll-Stiftung entschieden. Eine Entscheidung, die mein gesamtes Studium bis heute positiv bereichert.
Wie verlief dein Auswahlverfahren bei der Heinrich-Böll-Stiftung (Dauer/Ablauf/Auswahlgespräche)? Gab es Herausforderungen?
Das Auswahlverfahren bei der Heinrich-Böll-Stiftung setzt sich aus drei Etappen zusammen und dauert etwa vier Monate. Im ersten Schritt soll jede*r ein sehr ausführliches Online-Bewerbungsformular ausfüllen, bei dem die Stiftung versucht, einen ersten Eindruck von der bewerbenden Person zu erhalten. Abgefragt werden unter anderem das persönliche Engagement, die Identifikation mit der Stiftung, Ziele und Zukunftsvorstellungen, aber auch die eigene Lebensgeschichte. Die Bewerbung bietet Raum, die eigenen Hürden und Benachteiligungen zu benennen, um den Aspekt der Fairness im Auswahlverfahren zu wahren.
In der nächsten Auswahlrunde erwartet euch dann ein etwa einstündiges Gespräch mit einer Vertrauensdozentin oder einem Vertrauensdozenten der Stiftung an den Hochschulen. Das persönliche Gespräch bietet die Möglichkeit, die eigenen Interessen und Kompetenzen zur Geltung zu bringen. Gleichzeitig begegnen einem dort Verständnis und Nachsicht.
Ein positives Votum eröffnet schließlich die Möglichkeit, in die dritte Auswahlrunde zu gelangen und zu einem Online-Gespräch mit der Auswahlkommission eingeladen zu werden. Dort wird ein aktuelles politisches oder gesellschaftliches Thema besprochen, außerdem werden persönliche Fragen gestellt. Nach spätestens einer Woche flattert dann auch schon ein Brief ins Haus, in dem euch mitgeteilt wird, ob ihr in die Förderung aufgenommen wurdet oder nicht.
Wie wirst du durch dein Stipendium gefördert?
Wie oben schon beschrieben, gibt es die Studienkostenpauschale, die jede:r unabhängig vom Einkommen der Eltern erhält. Das an das BAföG angelehnte Lebenshaltungsstipendium ist tatsächlich von den Vermögensverhältnissen der Eltern abhängig – dementsprechend kommt es durchaus vor, dass Stipendiat:innen "nur" die Studienkostenpauschale erhalten. Die ideelle Förderung ist allerdings davon unberührt; an ihr sollen und können alle teilhaben!
Welche Erwartungen stellt die Heinrich-Böll-Stiftung an dich als Stipendiat:in?
Das Stipendium besteht im Wesentlichen aus zwei Kernelementen: der materiellen Förderung (die förderwerksübergreifend nahezu überall gleich ist) und der ideellen Förderung.
Die materielle Förderung umfasst für alle Stipendiat*innen unabhängig vom Einkommen der Eltern eine monatliche Studienkostenpauschale in Höhe von 300 Euro. Zusätzlich kann ein Lebenshaltungsstipendium analog zum BAföG und damit elternabhängig gewährt werden, das jedoch – anders als BAföG – später nicht zurückgezahlt werden muss. Da die Stiftung Auslandserfahrungen besonders fördert, erhält jeder Stipendiatin, der oder die beispielsweise ein Auslandssemester absolvieren möchte, zusätzlich eine monatliche Auslandspauschale. Außerdem können Reisekosten, Studiengebühren bis zu 10.000 Euro sowie Sprachkursgebühren übernommen werden.
Die ideelle Förderung ist das eigentliche Highlight des Stipendiums, denn sie bietet wundervolle Möglichkeiten, andere Stipendiatinnen kennenzulernen, sich fachlich weiterzubilden und eigene Projekte umzusetzen. Es werden zahlreiche Veranstaltungen von der Stiftung, aber auch selbstorganisiert von Stipendiatinnen, zu den unterschiedlichsten Themen angeboten, sei es Biodiversität, Antisemitismus oder Sicherheits- und Außenpolitik.
Darüber hinaus gibt es sogenannte Ad-hoc-Gruppentreffen, die einmalig stattfinden und sich den unterschiedlichsten Themen widmen. Außerdem verfügt jeder Hochschulstandort über eigene lokale Initiativen und Hochschulgruppen, in denen sich die Stipendiat:innen kennenlernen und gemeinsam spannende Treffen organisieren können.
Welche Erwartungen stellt die Heinrich-Böll-Stiftung an dich als Stipendiat:in?
Einerseits besteht der Anspruch, das eigene Studium diszipliniert und organisiert mit einer gewissen Leistungserwartung abzuschließen. Persönliche Herausforderungen werden dabei jedoch berücksichtigt und in Relation zu den Studienleistungen gesetzt. Außerdem müssen Stipendiat:innen eine gewisse Anzahl an Veranstaltungen pro Semester besuchen und sind angehalten, sich aktiv durch eine bestehende Eigeninitiative in die Stiftung einzubringen. Auch außerhalb der Stiftung wird ein aktives ehrenamtliches und gesellschaftliches Engagement erwartet. Einmal im Jahr schreiben wir einen Jahresbericht, in dem wir sowohl unser Jahr als auch unsere akademische und persönliche Entwicklung reflektieren.
Was bedeutet es für dich, ein:e Stipendiat:in zu sein?
Ein Stipendium bei der Heinrich-Böll-Stiftung bietet einen Raum zur eigenen Selbstentfaltung und Verwirklichung. Durch die finanzielle Förderung entsteht Stabilität, die es ermöglicht, sich besser auf das Studium und die eigenen Interessen zu konzentrieren, ein Faktor, der durch die zusätzliche ideelle Förderung noch verstärkt wird. Es entstehen Gespräche, in denen Visionen und Ideen vielleicht sogar schon eine erste Umsetzung finden. Es entsteht Kraft durch die Gemeinschaft mutiger und zielstrebiger Menschen. Es entsteht der Antrieb, etwas bewirken zu können, sei es im eigenen Leben oder auf gesellschaftlicher Ebene.
Stipendiatin zu sein ist ein Privileg, und es ist wichtig, sich dieses Privilegs bewusst zu sein. Ich nehme es dankbar und demütig an und hoffe, dass dadurch auch andere junge Menschen die Möglichkeit erhalten, ihre eigenen Träume zu verwirklichen.
Es wird von den Bewerber:innen gesellschaftliches Engagement verlangt. Wie engagierst du dich?
Derzeit bin ich gewählte Diversity-Beauftragte des Sti:ra der Heinrich-Böll-Stiftung. Die Diversity-Beauftragten (DB) sind Ansprechpersonen für von Diskriminierung betroffene Stipendiatinnen und unterstützen die Umsetzung der Antidiskriminierungsrichtlinie des Studienwerks. Sie stellen auf Wunsch den Kontakt zu den Konfliktlots:innen des Studienwerks her, hören zu und erörtern Handlungsoptionen.
Außerdem bin ich publizierte Autorin (Buch: Homo Universale – (K)eine Frage der Existenz?, erschienen im Deutschen Lyrik Verlag) und engagiere mich ehrenamtlich als Redakteurin bei The New Federalist. Dort editiere ich Texte und organisiere interne Veranstaltungen und Fortbildungen. Schreiben war für mich schon immer ein Ort der Freiheit und der endlosen Möglichkeiten, ein Ort, an dem meine Ideale und Utopien einer gerechteren Welt Ausdruck finden können. Hier möchte ich andere junge Menschen inspirieren, mutig zu sein und für ihre eigenen Visionen zu kämpfen, auch wenn die Hürden zunächst riesig erscheinen.
Was würdest du potenziellen Bewerber:innen für die Bewerbung raten?
Eine authentische, offene und selbstreflektierte Haltung gegenüber sich selbst und dem eigenen Lebensweg kann dabei helfen, dass die Bewerbung erfolgreich wird. Besonders wichtig ist es, die eigenen Hürden und Schwierigkeiten darzustellen und zu erklären, warum vielleicht kein perfektes Zeugnis möglich war.
Ebenso wichtig ist es, dass man die Grundwerte der Stiftung teilt und sich vorstellen kann, diese auch aktiv in die Gesellschaft zu tragen. Denn Stipendiat:in zu sein bedeutet auch, Verantwortung zu übernehmen und die Stiftung nach außen zu repräsentieren.
Möchtest du Schüler:innen und Studierenden, die als Erste in ihrer Familie studieren (wollen), noch etwas mit auf den Weg geben?
Traut euch! Begabtenförderwerke möchten euch fördern und auf eurem Weg unterstützen. Dafür muss man nur mutig genug sein, sich selbst zu zeigen. Besonders gefragt sind Menschen, die Erstakademiker:innen sind. Und es ist definitiv keine Schande, wenn ihr euch bei der Bewerbung helfen lasst und andere um Rat fragt. Auch die Stiftung ist sehr offen für Fragen, und ihr könnt euch jederzeit mit euren Anliegen an sie wenden.
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